Art des Interviews: phoner, Interview mit: Tom Climchuck von:Ralf
Der Stilwechsel ist vollbracht
Streng genommen sind sie eine Hardcore-Band. Sie stammen aus New York und sind seit 1992 äußerst erfolgreich in diesem Genre tätig. Anders als die Kollegen wie etwa SICK OF IT ALL oder IGNITE sind die Amis sehr durch den Metal geprägt und beeinflusst. Innerhalb dieser Szene konnten sich die Jungs eine Menge Freunde machen. Auf 12 Alben haben es PRO-PAIN bisher geschafft. Sie sind ihrem Stil stets treu geblieben, das freut natürlich die Fans. Jede Scheibe war hart, brutal, auf neues Terrain traute man sich aber bisher nie. Kurz vor Veröffentlichung von „No End In Sight“ scheint sich dies aber zu ändern. Man kann soviel vorweg nehmen: PRO-PAIN haben sich etwas neu erfunden, der Hörer wird überrascht sein. Das wirft natürlich eine Menge Fragen auf; Lead-Gitarrist Tom Climchuck konnte uns die Hintergründe näher erklären.
„Wir sind und bleiben natürlich im Kern eine Hardcore-Band. Dennoch sehen wir unsere musikalischen Auswüchse auch im Metal oder sogar Blues angesiedelt.“ Dies ist bei allen Diskussionen und Vermutungen, die es im Vorfeld gab, zweifelsfrei. Dafür steht das Quartett einfach seit langer Zeit und hatte dies auch immer wieder betont.
PRO-PAIN gehören auch zu den äußerst fleißigen Gruppen. Aufnehmen, Veröffentlichen, Promoten, Touren und dann wieder die Vorbereitungen zur nächsten Platte angehen. Sie sind arbeitswütig und scheinbar ruhelos. In regelmäßigen Abständen sind sie auch immer wieder auf deutschen Bühnen präsent. Sie sind einfach hungrig. „Grundsätzlich machen wir Musik für uns, unabhängig von Anfragen der Plattenfirmen oder sonstigen äußeren Einflüssen. Wir beschäftigen uns sehr mit dem Leben und allem Drumherum. Es gibt einfach wahnsinnig viel zu erzählen. Es gibt keinen speziellen Zeitplan für die Veröffentlichung neuer CD´s.“ Glücklicherweise, dennoch nicht geplant, kann sich der Hörer etwa alle 1-2 Jahre auf Neues aus dem Hause PRO-PAIN freuen.
Die Frage des Stilwechsels (oder sogar Stilbruchs?) kommt allerdings schnell auf und war, wie bereits erwähnt, schon im Vorfeld viel diskutiert. Es hatte sich irgendwie abgezeichnet. Erstes Indiz dafür waren die ungewöhnlich melodischen Elemente und auch Gesangseinlagen (!) auf dem Vorgänger „Age Of Tyranny – The Tenth Crusade“. Dies wurde hinlänglich noch wohlwollend hingenommen, glänzte dieses Werk doch gesamtheitlich durch eine sehr überzeugende Reife und hohe Qualität. Spätestens live wurde jeder durch altes Material und überragende Auftritte entschädigt und zufrieden gestellt. „Ich denke dass wir uns immer wieder bei jeder neuen Platte steigern konnten. Aber wir kamen irgendwann zu der Einsicht dass wir seit 16 Jahren für harten straighten Hardcore stehen. Wir sahen rückblickend keine Entwicklung. Das wollten wir ändern. Ich würde nicht unbedingt sagen, dass wir ruhiger oder softer geworden sind. Dennoch war es an der Zeit unserer Musik andere auch melodiöse Elemente einzuimpfen. Die Fans einer Band möchten auch dass sich ihre Helden weiter entfalten und nicht immer dasselbe spielen. Von daher glaube ich, dass „No End in Sight“ schon auf Anklang stoßen wird.“ Die neue Platte darf also als das bisher ruhigste Opus gesehen werden. Man kann ihnen sicherlich zu Gute halten, dass andere Combos bereits viel früher in die Trickkiste greifen und dabei kläglich versagen. Letztendlich stand doch der Fan an sich sehr stark im Vordergrund. Vielleicht war man sich über all die Jahre auch einfach unsicher, wie die Musikwelt auf Neues reagieren würde. „Dieser Schritt war nach all den Jahren einfach notwendig, alle in der Band wollten die Veränderung und jeder trug leistete seinen Beitrag dazu.“
16 Jahre, ein Stil, viele Platten: Der Titel der neuen Veröffentlichung klingt mit „No End In Sight“ daher sehr treffend. Die Ruhe- oder Pensionärsphase scheint laut Bezeichnung noch in weiter Ferne. Manch anderer in diesem Business setzt sich nach dieser Periode schon mal ganz gerne zur Ruhe, bewusst weit weg von all dem Trubel. „Wir sind mit Sicherheit nicht die Prediger unterm Herrn. Und schon gar nicht wollen wir eine politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Führungsrolle einnehmen, so dass unser Wort Gesetz wäre. Wir verstehen uns mehr als die Beobachter. Mit dem Titel wollen wir vielmehr ausdrücken, dass sich jeder selbst am Nächsten steht und die Ziele am Horizont stehen. Es obliegt jedem selbst wie und wann er sie erreichen kann. „No End In Sight“ verstehen wir als Ermunterung und Motivation für die Menschen. Ich denke, dass die Fans, die uns ja seit Jahren in aller Treue und Verbundenheit begleiten, dieses Signal verstehen werden.“
Die Metal-Szene ist auch dafür bekannt, dass hier Bekanntschaften, Freundschaften oder sogar konkrete musikalische Projekte entstehen. Die Liste der Beispiele wäre an dieser Stelle deutlich zu umfangreich um diese zu erwähnen. Gelegenheiten dafür bieten beispielsweise gemeinsame Auftritte bei Festivals oder längere Tourneen, bei denen man ja zwangsläufig zusammen ist. Gastauftritte bei den einzelnen Projekten erfreuen sich ebenfalls größerer Beliebtheit. Bei PRO-PAIN weiß man ja, dass sich die Amerikaner seit langem sehr gut mit den BÖHSEN ONKELZ verstehen. Angefangen hatte dies Ende der 90-Jahre als man die Deutschen bei einer Tour begleiten und die Show eröffnen durfte. Im Laufe der Zeit hat sich diese Bindung gefestigt. „Stephan Weidner kam damals auf uns zu und fragte, ob wir nicht der Opener für deren Gigs sein möchten. Wir haben anfangs etwas überlegt weil wir diese Gruppe auch gar nicht so kannten. Aber nachdem wir uns dann mal in deren Musik reingehört hatten haben wir sofort zugesagt. Wir lieben ihren Sound, er ist absolut klasse.“
Musikalisch stehen diese 2 Combos sicherlich ein wenig im Zwiespalt. Auf der einen Seite der straighte und harte Sound von PRO-PAIN, auf der anderen Seite der etwas gefühlvollere musikalische Mix der Onkelz. „Zu Beginn hatten wir schon unsere Bedenken, wie unsere Musik von den Fans aufgenommen wird. Im Vorfeld hatten wir von dem Phänomen der Onkelz-Jünger gehört, die sich nahezu nur auf ihre eigenen Helden konzentrieren möchten und alles Andere zuvor quasi ignorieren. Wir sahen uns schon auf der Bühne, bombardiert mit Bierbechern. Doch wir waren positiv überrascht, unsere Tracks wurden sehr gut angenommen.“
PRO-PAIN waren auch Teil des Line-Ups für das spektakuläre Onkelz-Abschieds-Festival auf dem Lausitzring mit über 100.000 feiernden Menschen. „So etwas Riesiges hatten wir bis dahin noch nicht gesehen. Das war gigantisch und hat uns eine Menge Spaß gemacht.“ Stephan Weidner hat sich auf „No End In Sight“, im Gegenzug, auch musikalisch verewigt. Hörbar durch verschiedene Gitarren- und Vocal-Parts.
Die musikalischen Vorgänger von „No End In Sight“ galten bis dato beinahe schon als musikalische Lehrstunden. War man ein Gegner von US-Präsident George W. Bush so brauchte man nur ein PRO-PAIN-Album aufmerksam hören und man bekam die volle Breitseite an Ablehnung und Hass ab. Dieser Man spielte eine zentrale Rolle in den Texten der Nordamerikaner. „Ich denke man weiß nun, wie wir politisch stehen und was wir von der derzeitigen Politik in unserem Lande halten. Wir waren der Meinung das reicht. Es gibt noch so viele gesellschaftliche Themen, die interessant sind und die man besingen kann. Folglich haben wir uns mehr auf das Gesellschaftliche an sich konzentriert. Da gibt es beispielsweise die Schere zwischen Arm und Reich, die sehr ungerecht ist, aber in unserem Land wirklich zutrifft.
PRO-PAIN verstehen sich als Band und Vertreter für die einfachen Arbeiter. „Wir wissen wie es ist ganz unten zu stehen und wie hart es sein kann sich nach oben zu arbeiten. So geht es Millionen in diesem Land und auch anderswo. Das ist nicht gerecht, dem Einzelnen werden so viele Steine in den Weg gelegt.“
Mit all diesen Informationen kann man sich erst einmal entspannt zurücklegen, sich das neue Album holen und sich auf Herbst vorbereiten. Es versteht sich ja fast schon selbst, dass dann PRO-PAIN in Deutschland wieder auf Tour sein werden.